“Für eine Wahrheit gibt es eine Million Lügen”
Es steht schlecht um die Pressefreiheit in vielen Ländern und das Internet leistet dazu einen großen Beitrag. Schachlegende Garry Kasparov und der Hacker Claudio Guarnieri diskutieren, wie Staaten das Internet für ihre Zwecke nutzen.
Gezielte Manipulation der Bevölkerung gab es schon immer, findet Guarnieri, schließlich sei das Internet nur ein Spiegel der Gesellschaft mit all ihren Schattenseiten. Vor allem soziale Medien ermöglichen eine schnelle und effektive Desinformation.
Für Garry Kasparov ist das eine Untertreibung. Er misstraut grundlegend modernen Technologien, die sich in der Hand von Regierungen befinden – ganz besonders, wenn es sich um undemokratische Regierungen handelt. Diktatoren nutzen die Möglichkeit, im Netz versteckt zu agieren. “Schach ist ein transparentes Spiel”, sagt der ehemalige Großmeister, “man weiß, mit welchen Mitteln gekämpft wird. Aber Diktatoren sind Pokerspieler – sie versuchen, alles zu verbergen.”
“Es geht der staatlichen Propaganda nicht darum, Informationen zu verschleiern, sondern sie will das kritische Denken der Bevölkerung völlig erschöpfen”, so Kasparov. Sein Misstrauen richtet sich auf Russland. Der Aktivist erinnert an den Absturz des Passagierflugzeugs MH17 in der Ost-Ukraine: “Es war völlig klar, wer dafür verantwortlich ist.” Die russische Regierung habe das aber nicht nur bestritten, sie erfand schlicht neue Geschichten. “Es entstand ein gewaltiger Block an Desinformation, sodass die Leute am Ende nicht mehr wussten, wo die Wahrheit eigentlich liegt. Für eine Wahrheit gibt es eine Million Wege zu Lügen.”
Trotz allem ist sich Kasparov sicher: Früher oder später wird klar werden, dass Putins Regierung ein Scheinriese ist. Unter Alexei Nawalny formiert sich eine demokratische Oppositionsbewegung, die Demonstrationen wie am 26. März in Moskau nicht scheut, obwohl diese von der Polizei niedergeschlagen wurde. “Das System krankt”, stellt Kasparov fest. “Wie wird sich das auf die russischen Wahlen auswirken? Es gibt in Russland keine Wahlen”, sagt Kasparov bitter.
Auch Regierungen in demokratischen Ländern sollten vorschnelle Regelungen für das Internet vermeiden und ihre Bevölkerung lieber ermächtigen, die Technik zu verstehen, sagt Guarnieri abschließend. Demgegenüber müssen BürgerInnen misstrauischer werden und Technik-Unternehmen hinterfragen: “Wie funktioniert der Suchalgorithmus von Google? Wer entscheidet was Facebook anzeigt? It depends on us - do not fuck it up”.
von Shea Westhoff und Birte Mensing (EJS)
Bildnachweis: Birte Mensing