Gümüşay: “Wir brauchen Räume zum Denken“
Bei ihrer Rede während der letzten re:publica brachte die Verzweiflung über die Welt Kübra Gümüşay zum Weinen. Dieses Jahr hat sie ihr eigenes Taschentuch dabei und braucht es nicht. Sie ist dem Hass überlegen.
“Es ist etwas fundamental anderes, etwas zu fühlen, als es nur zu wissen.” Gümüşay spricht von täglicher Diskriminierung, Rassismus, aber auch von den politischen Entwicklungen: Brexit, der Putschversuch in der Türkei, die Präsidentschaft Donald Trumps. “Die Menschen wachen auf“, sagt sie.
“Wofür würdest du dich einsetzen, wenn es den lauten Hass nicht gäbe?“, fragt Gümüşay ihr Publikum – und ermutigt es, lieber eigene Themen zu denken und zu diskutieren, statt bloß auf rechte Provokationen zu reagieren und Bildungs- statt Flüchtlingsdebatten zu führen. Eine Diskussion über schwarze Nachbarn sei nicht normal, sondern ein Armutszeugnis. “Wir haben Antworten auf die absurdesten Fragen gegeben, uns von den brutalsten Gräueltaten distanziert.“ Diese Strategie von rechts sei wie eine Diktatur. “Sie wiederholen Themen, bis wir uns selbst vergessen.“
“Das Internet war mal ein Raum, in dem ich denken durfte. Heute ist es ein Raum für fertige Gedanken“, sagt Kübra Gümüşay weiter. Es gebe keine gesellschaftlichen Orte mehr, an denen man sich nicht profilieren muss. Doch ohne Diskussionen funktioniert Demokratie nicht.
"Seid wohlwollend“, fordert Gümüşay. Untereinander, beim Handeln, beim Denken. Niemand müsse perfekt sein: “Jede Handlung ist ein Kompromiss zwischen Idealen und Realität.“
von Theresa Liebig und Birte Mensing (EJS)
Bildnachweis: re:publica/Jan Zappner(CC BY-SA 2.0)